Rohrbruch im Staatsarchiv St. Gallen

05.01.2015 12:38:35 | COMVATION AG, System Comvation

Tagblatt Online Ostschweiz


St. Gallen - Thurgau - Appenzellerland, 6. Dezember 2014, Alexandra Pavlovic

 

SCHOCKGEFROREN BEI MINUS 30 GRAD

ST.GALLEN/SEFTIGEN BE. Ein Rohrbruch im September beschädigte gut 750 Werke des St.Galler Staatsarchivs. Wie stark diese wegen der Feuchtigkeit gelitten haben, war unklar – bis gestern. Drei Experten konnten die Bestände erstmals begutachten.

Die grüne Farbe auf dem Buchrücken ist teilweise verschwunden. Das Wasser hat sich regelrecht durch den Archivband aus dem Jahr 1822 «gefressen». Der Restaurator Martin Strebel zeigt nur einige der Auswirkungen, die durch den Wasserschaden Anfang September im St. Galler Staatsarchiv entstanden sind. «Drei bis vier Tage später und das Kulturgut wäre nicht mehr zu retten gewesen», sagt er.
 

500 Liter Wasser in 24 Stunden
Nur dank der sofortigen Intervention der Mitarbeiter des Staatsarchivs konnten die Schäden auf ein Minimum reduziert werden. Aber nicht nur das Staatsarchiv, auch die Firma Docusave hat einen wesentlichen Anteil am Erfolg. Im rund 2220-Seelen-Dorf Seftigen ist die auf Wasserschaden spezialisierte Firma von Guido Voser beheimatet. Gegen 50 Laufmeter, umgerechnet 750 Werke, wurden zu ihrem Schutz in den Kanton Bern gebracht.

In Kartonschachteln verpackt und auf Holzpaletten gestapelt wurden die Archivbestände in einer Kühlkammer, die wie ein überdimensionaler Kühlschrank wirkt, über Wochen schockgefroren. Dies bei einer Temperatur von minus 30 Grad. In der Kammer können laut Voser mühelos 500 Liter Wasser in 24 Stunden auf die entsprechende Temperatur runtergekühlt werden. «Sobald die Objekte gefroren sind, kommen sie in einen Vakuumtank.» Auf einem speziell für Archivbestände ausgerichteten Programm werde den Objekten der Wasserdampf entzogen. «Das lässt diese vollständig trocknen.» Je nach Schaden könne dies drei Tage oder gar einen Monat dauern. «Wird das Kulturgut wieder aufgetaut, entstehen dank dieser Technik keine zusätzlichen Beschädigungen», sagt Guido Voser.

 

Mit dem Schlimmsten gerechnet
Bis gestern wusste niemand, wie stark die Werke aufgrund des Rohrbruchs gelitten haben. Erstmals seit dem Wasserschaden haben nun Guido Voser, Restaurator Martin Strebel und die Konservierungsverantwortliche des St. Galler Staatsarchivs, Regula Wyss, die Archivbestände begutachtet. «Wir haben mit dem Schlimmsten gerechnet», sagt Regula Wyss. Vor allem wegen der Tinte. Viele der Schriften seien damit verfasst worden. «Hätte das Wasser diese angegriffen, hätten wir mit Totalverlusten rechnen müssen.» Zum Glück sei dies nicht eingetroffen.
 

Vom Zustand überrascht
Martin Strebel packt eine der Kartonschachteln mit den Archivalien an. Behutsam löst er mit dem Cutter das Klebeband. Die Spannung über das, was ans Tageslicht kommen wird, ist im ganzen Raum zu spüren. Einzeln hebt er die Werke aus der Schachtel. Auf dem Tisch klappt Strebel die Bücher mit schnellen Handgriffen auf. Ein kurzer Blick genügt: «Keine Schäden.» Beim nächsten sieht es anders aus. «Hören Sie dieses Knacksen?», fragt er in die Runde. Wenn das der Fall sei, könne mit Sicherheit von einem Schaden ausgegangen werden. «Das muss zur Restauration.» Strebel wiederholt diese Vorgänge so lange, bis er mit den 50 Laufmetern durch ist.
Nicht nur der Restaurator, auch die Konservierungsverantwortliche Wyss zeigen sich vom Zustand der Bestände überrascht. «Grössere Schäden sind ausgeblieben», sagt sie sichtlich erleichtert. Dennoch: Es werde noch Monate dauern, bis das Archiv wieder vollständig sei. «Wir sind nochmals mit einem blauen Auge davongekommen.»
 


 
 

 
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